III. Die ersten Wochen in Montecassino

 

III. Die ersten Wochen in Montecassino 


Jetzt habe ich mir etwas Zeit mit meinem ersten Bericht über Montecassino gelassen, wollte ich noch nicht voreilig zu überschwenglich Loben oder den Ort kritisieren.

Nach 21 Stunden Fahrt von Einsiedeln über Zürich, Mailand und Caserta sind wir am Sonntag, dem 24. 8., um 10:30 Uhr im Kloster Montecassino angekommen. Nach der schlaflosen Fahrt und mehrmaliger Angst um unser Hab und Gut in den Stunden auf den italienischen Bahnhöfen durften wir fünf Minuten nach unserer Ankunft direkt am Gottesdienst in der Klosterkirche teilnehmen. Anfangs war die Verwirrung groß – man nahm an, dass wir beide Italienisch sprechen könnten. Leider waren wir zu diesem Zeitpunkt mit unseren Italienischkenntnissen erst auf A0.1 und somit weit von dem entfernt, was es zur Verständigung braucht. An sich war der erste Tag etwas einsam, mit kleinen Komplikationen, aber nichts, das sich nicht in den darauffolgenden Tagen besserte. Ich möchte im Folgenden Montecassino in einzelnen Kategorien betrachten, um ein umfangreiches Bild zu liefern:

Ort – Einführung, Gründung, Gemeinschaft
Die Gemeinschaft in Montecassino ist im Vergleich zu der in Einsiedeln sehr klein. Sie besteht aus dem Abt Luca, dem Prior Jordi, Don Alessandro, Don Luigi, Don Giuseppe, Don Mariano, dem emeritierten Abt und Bischof Bernardo sowie den Novizen Francesco und Mario. Oft sind bei den Gebetszeiten nur drei bis vier, teilweise nur zwei Mönche da. Die einzelnen Brüder haben im Kloster verschiedene Aufgaben: So ist Mariano für das Archiv zuständig, Luigi für die Gäste, Giuseppe für die Beichte, die Haustaufen, Reliquien, die Werkstatt und das Kunsthandwerk der Abtei (was für seine 83 Jahre sehr bewundernswert ist), und Alessandro für den Gesang während der Gebetszeiten. Der Abt und der Prior sind oft nicht im Haus, um den Verantwortungen der jeweiligen Stellen nachzugehen. Der Altar der Abtei wurde von Paul VI. konsekriert; wenn man bedenkt, dass der in Einsiedeln von Johannes Paul II. gesegnet wurde, könnte man annehmen, wir bewegen uns bei jedem Abteiwechsel zwei Päpste in der Geschichte zurück. Mit der Geschwindigkeit wären wir nach 132 Abteiwechseln also bei Petrus selbst angelangt.


Gebetszeiten
Die Mönchsgemeinschaft in Montecassino betet die 150 Psalmen alle in einer Woche, aufgeteilt auf jeweils sieben Gebetszeiten: Vigil um 5:30 (45 min), Laudes 6:45 (25 min), Terz 7:45 (5 min), Sext 12:50 (15 min), None 14:00 (10 min), Vesper 19:00 (35 min) und Komplet 21:00 (30 min). Zwischen Laudes und Terz gibt es einen ca. 35-minütigen Gottesdienst, der aufgrund der fehlenden Predigt so kurz ausfällt. Direkt im Anschluss wird Terz gebetet. Da Ruben und ich nicht zum Vigil kommen müssen, belaufen sich unsere Gebetszeiten auf ungefähr 2 Stunden und 35 Minuten. Alle Gebetszeiten bestehen grundlegend aus dem Psalmgebet in antiphonaler Struktur, jeweils mit einem Lied oder einem vorgelesenen Zitat zwischen den Psalmen. Gestartet wird mit dem Inno, einem kurzen melodischen Gebet. Nach den Psalmen folgt ein Canticum und eine Lesung aus der Bibel (Lettura breve), die sich im Vierwochentakt wiederholt. Je nach Tageszeit folgt dann eines der biblischen Elemente (Benedictus, Magnificat, Nunc dimittis oder das Vaterunser). Das Gebet wird immer mit einem Segen beendet. Nach dem Vespergebet läuft man gemeinsam zum Benediktsgrab und betet dort noch einmal für eine kurze Zeit – täglich dasselbe Gebet.


Arbeit
Morgens muss ich zwischen 9 und 12 arbeiten: montags, mittwochs und freitags in der Sakristei, dienstags und donnerstags mit Ruben für den Prior. In der Sakristei ist die Arbeit generell angenehm. Dort helfe ich den beiden Festangestellten Danielle 1 und 2. Die ersten paar Male musste ich alle Kelche der Abtei (ca. 150) mit Chlor und Seife schrubben, nummerieren und in einer Fotodatenbank dokumentieren. Ansonsten fülle ich Kerzen auf, fege oder wische den Boden der Kirche und entferne Staub. Verteilt über mehrere Termine durfte ich das Geländer des Benediktsgrabes reinigen. Am nächsten Tag wurden Ruben und ich gebeten, die Kerzenhalter der Kirche zu säubern, die seit vielen Jahren nicht mehr gründlich gereinigt worden waren. Wir verwendeten dabei dasselbe Reinigungsmittel wie am Vortag, diesmal jedoch mit der Anweisung, es im Freien zu benutzen. Die Arbeit für den Prior sah in den ersten sechs Wochen immer gleich aus. Wir mussten uns gemeinsam mit Mario einem Raum annehmen, der seit dem Tod des Archivars vor gut zwölf Jahren für nichts anderes als als Ablageort genutzt wurde. So kämpften wir drei uns zweimal die Woche durch libri, spazzatura und muffa, fanden Rosenkränze, päpstliche Bullen aus 1575 und Reliquien erster Klasse. Beim Arbeiten, vor allem allein, musste ich oft an ein Zitat von Bruder Benno Maria aus Einsiedeln denken: „Körperliche Arbeit ist Gott wohlgefällig“ (frei zitiert). Wenn man Labora nicht stumpf ableistet, sondern die Zeit kontemplativ nutzt, kann man den teilweise stupiden Arbeiten etwas abgewinnen. Beim Kelcheputzen habe ich beispielsweise darüber nachgedacht, wie in der Liturgie der leidvolle Charakter des Opfertodes Christi, sichtbar im Wein während der Eucharistie, etwas untergeht. Wahrscheinlich aus praktischen Gründen wird ihm oft kaum Beachtung geschenkt; beginnt doch der schmerzhafte Rosenkranz mit einer Betrachtung genau dessen und führt erst im letzten Gesätz zum sterbenden Leib.


Freizeit
Die Wochenenden stehen uns eigentlich komplett frei zur Verfügung, ohne irgendwelche Anforderungen, was Arbeit angeht. Diese Freiheit stellte sich im Laufe des Aufenthaltes jedoch als etwas trügerisch heraus, denn der Prior erwartete, dass wir den sonntäglichen Gottesdienst nicht einfach in einer Kirche unserer Wahl, z. B. in Rom, besuchen, sondern dass der Ministrantendienst in der Abtei notwendig sei und wir dann nach dem Mittagessen um ca. 14:30 Uhr touristischen Aktivitäten nachgehen könnten. Mit dieser Forderung konnten wir uns nicht ganz anfreunden, denn wenn wir den Montag statt des Samstags freinehmen würden, stünden uns nur knapp 1,5 statt zwei ganze Tage zur freien Verfügung. Mit dem freien Freitagnachmittag würden wir also fast einen Tag verlieren. Mehrere unabhängige Stimmen der Abtei denken, dass es daran liegt, dass der Prior Angst hat, wir könnten z. B. in Rom in Clubs gehen – einer Tätigkeit, der wir nicht einmal in Deutschland nachgegangen sind. Also nutzen wir die freien Wochenenden, an denen der Prior selbst in Rom ist. Nach der Arbeitszeit haben wir von 17 Uhr bis zur Vesper frei. Diese Zeit nutzen wir, um unsere Blogeinträge zu schreiben, die Vokabeln der Italienischstunden zu lernen, mit unseren Eltern zu telefonieren, die sozialen Medien zu nutzen oder uns dem privaten Gebet zu widmen. Gerne erkunden wir auch die Abtei und sind dabei schon auf unterirdische Tunnel und Theater, riesige Gänge voller Gemälde und Ausstellungsstücke oder das umliegende Territorium gestoßen.

Besonderheiten und zusätzliche Infos
Direkt am ersten Tag nach unserer Ankunft durfte ich meinen achtzehnten Geburtstag an diesem geschichtsträchtigen Ort feiern. Dass mit dem Eintritt in die Volljährigkeit an dem Ort, an dem der große Doktor der Kirche, Thomas von Aquin, seinen Geist stählte, auch bei mir eine gewisse Wirkung auf meine eigene sapientia haben würde, war mir klar – aber dass es in einem so großen Maße passieren würde, dass es mir selbst die Weisheitszähne zum Wachsen bringen würde, war mir nicht klar. Wir haben in Montecassino das Privileg, mit Lina de Nicola, einer Nachfahrin des ersten italienischen Präsidenten und Assistentin des Priors, Italienisch zu lernen. Da sie ihr Erasmussemester in Deutschland verbracht hat, spricht sie fast perfekt Deutsch. Diese Bekanntschaft war mitunter die angenehmste im ganzen Aufenthalt bisher, da wir neben uns beiden auch eine weitere Person hatten, mit der wir in unserer Muttersprache sprechen konnten. Lina wurde in der Zeit hier im Kloster unsere Anlaufstelle für alle Probleme, die wir hatten, und wir konnten eine richtige Freundschaft aufbauen. Dafür sind Ruben und ich wirklich sehr dankbar. 

Einige Andenken durfte ich auch schon mein Eigen nennen. So habe ich von Don Giuseppe beispielsweise drei Bilder der „Mutter vom Guten Rat“, meinem Lieblings-Marientitel, und eine von Benedikt mit Medaille bekommen. 


Außerdem durften wir einiges behalten, das wir während des Aufräumens gefunden haben: Kruzifixe, Rosenkränze, eine Uhr, eine byzantinische Gebetskette vom Berg Athos, mehrere Reliquien, beispielsweise ein Stück des Mantels vom hl. Josef (dem Namenspatron meines Opas) und die Glocke aus dem Heiligen Jahr 2000, die von Johannes Paul II. gesegnet wurde. Das Original werden wir mit der Gemeinschaft am 21.10. in den Vatikanischen Gärten besichtigen. 

Im Garten der Abtei leben Wildschweine, die sich direkt unter meinem Fenster jede Nacht lautstark bekriegen. 

Die ganze Erfahrung ist schon sehr aufregend: Man wird nie wieder in seinem Leben bei einer pontifikalen Messe ministrieren, mit einem Erzbischof spazieren gehen und Vogelkot vom Boden entfernen oder einen Rosenkranz vor einer Kreuzreliquie beten. 

Vor allem die Erfahrungen, die ich in Rom gemacht habe, werde ich nie vergessen. Da Ruben und ich dasselbe erlebt haben, empfehle ich ergänzend zu meinem Bericht hier noch Rubens Bericht zum Aufenthalt zu lesen. 

Unseren Reisen nach Rom – zur Heiligsprechung von Carlo Acutis und zum Jubiläum der marianischen Frömmigkeit – möchte ich einen eigenen Eintrag widmen.

Lachs und Bohnen

Kuba

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